Der Leim

 

Die Abbildungen von Leinenpanzern zeigen eine deutliche Steifheit und Glätte. Eine solcher Zustand ist durch das Aufbringen von Nähten in regelmäßigen Abständen praktisch nicht zu erreichen. Daher müssen die Leinenlagen in anderer Weise verbunden worden sein, als nur durch Nähte. Das effektivste Mittel, um den erwünschten Effekt zu erreichen, ist das Verleimen der Leinenschichten, sodass kompakte und stabile Panzerplatten entstehen.

 

Bei der Verarbeitung hat sich das Eintauchen des Leinenstoffes als besser erwiesen. Wird der Leim nur mittels eines Pinsels oder anderen Werkzeuges aufgebracht, trennen sich die Lagen an vielen Stellen wieder, sodass ein "blätterteigartiger" Zustand entsteht. Insbesondere Hasenleim muss relativ schnell verarbeitet werden, weshalb das langwierige Aufpinseln unpraktisch ist. Durch das Eintauchen des Leinenstoffes in den Leim und das anschließende Auswringen wird das Gewebe vollständig durchdrungen. Werden mehrere Schichten von auf diese Weise getränktem Stoffes aufeinander gelegt, so fließt der Leim ineinander und bildet einen festen Block um die Leinenlagen. Der entstehende Verbundstoff hat die Reißfestigkeit von Leinen, doch lassen sich die einzelnen Garne nicht mehr gegeneinander verschieben. Daher ist das Produkt überaus stabil.

 

Von den drei getesteten Leimsorten (Hasenleim, Leinsamenleim und Stärkeleim), haben sich zwei als praktisch erwiesen. Jedes Sorte hat ihre eigenen Merkmale.

 

Hasenleim

 

Der sogenannte Hasenleim ist ein Klebstoff auf Basis von Glutin. Er wird durch das Verarbeiten von tierischen Abfällen gewonnen und war bereits in der Antike in Gebrauch. Nach den verwendeten Materialien werden diverse Leimsorten unterschieden. Neben Hasenleim, der aus den Fellen von Hasen, Kaninchen und verwandten Kleintieren gekocht, wären noch Knochenleim zu nennen, der aus den Abfällen von Rindern, Schweinen und Schafen gewonnen werden kann, sowie Fischleim aus Fischabfällen. Leime wurden unter anderem zur Herstellung von Kompositbögen verwendet. 

 

Hasenleim kann in Form von Granulat günstig gekauft werden. Eine Menge von 500g reichen für die Herstellung eines Panzers in der Regel vollkommen aus. Der Leim muss in einem Verhältnis von 2 Teilen Leim und einem Teil kaltem Wasser gemischt und langsam unter ständigem Rühren erhitzt werden. Dabei kann nach und nach mehr Wasser hinzu gegeben werden, bis die gewünschte Konsistenz erreicht wird. Unsere Versuche haben wird mit einem relativ starken Leim durchgeführt, der eine honigartige Farbe und dünne, jogurtartige Konsistenz hatte. Der Leim muss auf etwa 65°C erhitzt und dann heiß verarbeitet werden. Wird über längere Zeit eine Temperatur von über 75°C erreicht, kann die Klebefähigkeit des Leimes Schaden nehmen.

 

Die Verarbeitung kann wortwörtlich schmerzhaft sein, da der Leim bei 65°C verarbeitet werden muss. Wie oben bereits angemerkt, ist das beste Ergebnis zu erzielen, wenn die Leinenstoffstücke in den Leim getaucht werden, sodass sie vollständig durchtränkt werden. Nach dem Auswringen muss jede Stofflage schnell in Position gebracht und auch schnell die nächste Stofflage eingetaucht werden. Es ist unbedingt darauf zu achten, dass genug Leim angesetzt wird, um alle Stofflagen in einem Arbeitsgang zu verarbeiten. Sobald Leim nachgekocht werden muss, kann es passieren, dass die obere Schicht der bereits verarbeiteten Lagen antrocknet und sich die Panzerplatte später an dieser Schicht trennt. 

 

Eine Leinenpanzerplatte mit Hasenleim ist überaus hart und wenig flexibel. Sie sollte daher nur für Bereiche verwendet werden, die im Kampf stark gefährdet ist und wenig bis keine Biegsamkeit erfordert. Dies sind speziell die Brust- und Rückenplatten. Für Pteryges, Seiten und Schultern ist der Leim weniger geeignet.

 

Stärkekleister

 

Dieser Kleber wird aus pflanzlicher Stärke hergestellt, die wiederum aus Mehl gewonnen worden ist. Hierfür kann Getreide-, Mais- oder auch Kartoffelmehl genutzt werden. Einer der größten Anwendungsbereiche ist die Herstellung von Papier, dessen Oberfläche durch Stärkekleister versiegelt wird, sowie die Herstellung von Wellpappe. Es ist nicht ganz klar, ob Kleister aus Stärke in der Antike verwendet wurde, doch angesichts der weiter Verbreitung von Getreide dürfte es bekannt gewesen sein, dass aus Mehl auch Kleber hergestellt werden kann.

 

Stärke kann für geringste Preise praktisch überall erworben werden. Ein Beutel von 500g reichen auch hier für das Verleimen eines Panzers vollkommen aus. Zur Herstellung des Kleisters werden Stärke und Wasser in einem Verhältnis von etwas 1:4 gemischt (125g Stärke auf einen halben Liter Wasser). Die Stärke sollte dabei unter ständigem Rühren nach und nach in das Wasser gegeben werden, um ein starkes Klumpen zu verhindern. Bei der Herstellung müssen ein Esslöffel heller Essig (keine Essenz) und ein Teelöffel Salz hinzu gegeben werden. Die Masse muss unter ständigem Erwärmen gerührt werden, bis eine glatte, jogurtartige Konsistenz erreicht ist. Es muss weiterhin Hitze zugeführt werden, bis der Kleister fast kocht, die ersten Blasen können zu sehen sein. Ständiges Rühren soll ein anbrennen verhindern. Im Anschluss kann der Kleister von der Hitze genommen und verarbeitet werden.

 

Das Verarbeiten von Stärkekleister ist weniger problematisch, da die Temperatur kaum eine Rolle spielt. Daher kann vor dem Eintauchen der Leinenstoffstücke gewartet werden, bis das Herausnehmen und Auswringen ohne Probleme möglich ist. Da die Viskosität des Kleisters höher ist als die des Hasenleimes, muss beim Eintauchen des Stoffes gut darauf geachtet werden, dass die gesamte Oberfläche angefeuchtet ist. Auch trocknet die Oberfläche des Kleisters nicht so schnell an, weshalb im Notfall noch Kleister nachgekocht werden kann. Wenn nach der Verarbeitung noch Stärkekleister übrig ist, kann dieser in einem Gefäß im Kühlschrank für einige Zeit aufbewahrt werden. Die längste Haltbarkeit erzielt man, indem der Kleister direkt nach dem Kochen sehr heiß abgefüllt und verschlossen wird.

 

Panzerplatten, die mittels Stärkekleister hergestellt wurden, sind deutlich weniger hart und elastischer als solche mit Hasenleim. Sie sind daher unter Umständen auch für die Flanken und die Schultern verwendbar, wenn diese dünn genug sind, also aus nicht allzu vielen Schichten (maximal 10) hergestellt wurden.

 

Leinsamenleim

 

Ein Versuch, aus Leinsamen einen Kleber zu kochen, schlug leider Fehl. Leinsamen war in der Antike unschwer zu finden und hätte sich als leicht verfügbares Klebemittel angeboten. Der Leim, den wir aus den Leinsamen gekocht haben, hatte allerdings ein sehr geringe Bindekraft, die die Stofflagen nicht zusammen halten konnte. Beim Biegen der getrockneten Leinenstoffplatten, separierten sich die Schichte schnell wieder, sodass die panzernde Wirkung vollkommen aufgehoben war. Eine Verwendung eines solchen Leimes als Kleber für die Panzerplatten ist daher wenig sinnvoll.

 

Ergebnis

 

Beim Vergleich der drei getesteten Kleber hat sich der Stärkekleister bisher als die beste Wahl herausgestellt. Auch wenn Hasenleim eine sehr stabile und feste Verbindung bildet, so ist Stärkeleim doch leichter herzustellen und besser zu verarbeiten. Bei seiner Produktion ist kein Thermometer notwendig, sondern das sichtbare Köcheln zeigt die richtige Temperatur an. Die Verarbeitung wiederum muss nicht im heißen Zustand erfolgen. Als ein zusätzlicher Vorteil ist die leichte Verfügbarkeit des Rohstoffes in antiker Zeit zu sehen. Um eine Rüstung mittels Stärkekleister zu verkleben, waren nur wenige Liter Weizen erforderlich, entsprechend einiger Tagesrationen.

 

Klebeprozess