Der Rumpfpanzer: ein erster Schritt

Während unserer letzten Treffens sind wir einen weiteren Schritt in Richtung eines vollständigen Leinenpanzers gegangen und haben weiter an unserer Herstellungsweise von Leinensamenleim gefeilt. Nachdem der Leim der letzten Sitzung sehr lange gekocht werden musste und wir am Ende nur sehr wenig und noch dazu sehr dünnen Leim übrig hatten, wollten wir es dieses Mal mit mehr Leinsamen versuchen. Wir verwendeten deutlich mehr Samen als vorgesehen auf 2 Liter Wasser und ließen das Gemisch sehr lange kochen. Die Konsistenz wurde im Laufe des Prozesses stets mehr und mehr geleeartig, bis es am Ende nicht mehr möglich war, die Masse durch ein Sieb zu geben, um den Leim von den Samenkörnern zu trennen. Daher mussten wir erneut Wasser hinzugeben, um den Leim wieder zu verdünnen, und begannen den Prozess erneut. Als eine uns brauchbar erscheinende Konsistenz erreicht war, versuchten wir, die Masse durch ein Küchensieb zu schütten, doch dieses Unterfangen war aufgrund der Festigkeit zum Scheitern verurteilt. Daher nahmen wir ein sehr grobes Bastsieb zu Hand und drückten die Masse hindurch. Die letzten Reste des Leimes wurden von den Samen getrennt, indem die Körner in Leinenstoff gewickelt und dann ausgepresst wurden. 

Dieses Mal waren wir etwas großzügiger mit der Menge an Leinsamen. 

Nach langem Einkochen hatte sich eine klebrige, geleeartige Masse gebildet, die schon sehr stark an Leim erinnerte.

Beim Aufkochen bildete sich bald ein dichter Schaum, der zum Überkochen neigte.

Obwohl der Leim schon durch ein Sieb von den Leinsamen getrennt wurde, konnten wir auch aus den Resten noch eine größere Menge an Flüssigkeit gewinnen, indem wir die Körner in Leinenstoff wickelten und auspressten.


 

Auf diese Weise konnten wie aus den Leinsamen eine erstaunliche Menge an Leim gewinnen. Um die Klebekraft vergleichen zu können, fertigten wir aus diesem neu gekochten Leinsamenleim einige Teststücke an und stellten gleich aussehende Vergleichsstücke mit Hasenleim her. 

 

Wir testeten auch zwei neue Sorten Leinenstoff: einen derberen und schwereren Stoff, der an Sackleinen erinnert, sowie einen naturbelassenen Leinentwill, der ebenfalls schwerer war, als der bisher verwendete Leinenstoff. Von beiden Stoffen wurden Teststücke mit einer Stärke von 15 Lagen angefertigt, die mit Hasenleim verklebt wurden. Zusätzlich wurde ein gleich starkes Teststück aus Leinentwill mit Hilfe unseres Leinsamenleimes hergestellt.

 

Für den ersten Entwurf wurden die Maße des Brust- und Hüftumfanges sowie die Höhe auf Papier übertragen, um eine Schablone herzustellen.

Nachdem die Armausschnitte angepasst worden waren, wird die richtige Höhe des Panzers am Träger ermittelt und auf die Papierschablone übertragen.


 

 

Ein zweites Team wagte sich derweil an den ersten Rumpf eines Leinenpanzers, den wir testweise herstellen wollten. Robert Voit stellte sich zur Verfügung, um sich diesen Rumpfpanzer auf den Leib schneidern zu lassen. Als erstes wurde der Körperumfang auf Höhe der Brust und der Hüfte gemessen und dann die Höhe bestimmt. Entsprechend den Vorbildern auf Vasenabbildungen sollte unser Panzer knapp unterhalb des Bauchnabels enden, wobei wir vorerst auf die darunter noch noch folgenden Klappen, die Pteryges, verzichteten. Auf der Vorderseite sollte die Rüstung bis knapp vor das Ende des Brustbeines reichen und im Rücken noch ein wenig länger sein. Nach diesen Vorgaben wurde eine Papierschablone angefertigt, die im Anschluss an den Körper angelegt wurde, um die Mitte von Vorder- und Rückseite zu bestimmen und die Armausschnitte zu markieren. Im Anschluss wurden anhand dieser Schablone 10 Stoffstreifen aus relativ dünnem Leinen (Typ 3) zugeschnitten. Dabei stellte sich vor allem das Zuschneiden der gerundeten Armausschnitte als mühsam heraus und es fiel dabei einen größere Mengen an Verschnitt an, die angesichts des sehr hohen Preises von Leinenstoff in der Antike zu vermeiden wäre.

 

Erst wurde der Tisch für den Klebeprozess vorbereitet, indem die Oberfläche mit Folie überzogen wurde, um die Tischplatte zu schonen und ein gutes Ablösen des verleimten Panzers zu garantieren.

"Viele Hände, schnelles Ende", wie es bei der Bundeswehr hieß. Beim Verleimen helfen alle mit. Fast alle - aber irgend jemand muss ja auch Fotos machen.


 

Nachdem die Stoffstreifen vorbereitet waren und der Hasenleim Verarbeitungstemperatur erreicht hatte, wurden die Lagen darin eingetaucht, ausgepresst und passgenau aufeinander gelegt. Da wir nun bereits einige Übung in diesen Arbeitsschritten hatten, war der Prozess innerhalb von kaum einer einer Viertel Stunde abgeschlossen. Das entstandene Leinenstück ließen wir für eine Stunde antrocknen, sodass der Leim eine solide, aber noch weiche Konsistenz ausbilden konnte. Um das Trocknen zu beschleunigen wurde der Rumpfpanzer dann mittels drei Fäden, die durch vorher in den Panzer gebohrte Löcher gezogen wurden, umgekehrt aufgehängt.

 

Als fünf Tagen vergangen waren (drei Tagen hätten sicherlich auch gereicht), nahmen wir den Panzer und die übrigen Teststücke in Augenschein. Auch der neue und mühsam hergestellte Leinsamenleim erfüllte nicht unsere Erwartungen. Zwar war die Verbindung zwischen den Stofflagen nun bereits fester, doch die Lagen ließen sich noch immer leicht voneinander trennen und lösten sich beim Biegen des Teststückes.


 

Die neuen Stoffe machten hingegen einen vielversprechenden Eindruck. Beide Teststücke wiesen aufgrund des schwereren Materials trotz der gleichen Anzahl von 15 Lagen eine größere Stärke auf und ließen sich auch mit großer Mühe kaum biegen. Der getrocknete Rumpfpanzer war ebenfalls gut gelungen. Aufgrund der Aufhängung an drei Fäden an den Enden und in der Mitte hatte er eine Biegung erhalten, die ihn sehr gut an den Körper anpasst. Die Biegung in entgegengesetzter Richtung, die auf Höhe einer Schmalseite unterhalb des rechten Armes entstanden war, ließ sich auch relativ leicht in die richtige Form bringen. 

 

Aus diesen Versuch ergeben sich einige neue Erkenntnisse. Nach zwei fehlgeschlagenen Experimenten wurden wir vom Leinsamenleim, den Prof. Gregory Adrete empfohlen hat, enttäuscht. Wenngleich wir weitere Tests in Zukunft nicht ausschließen, favorisieren wir im Moment den härteren und zuverlässigeren Hasenleim. 

Der überraschend gut gelungene Rumpfpanzer ermutigt uns, den nächsten Schritt zu gehen, und uns an die Schultern zu wagen. Jedoch sollten wir in Zukunft versuchen, mit weniger Verschnitt auszukommen. Eventuell wäre es praktischer, anstatt die Stofflagen aus einer großen Bahn zu schneiden, den Rumpf aus mehreren Teilen zusammenzusetzen, indem der Ring um den Bauch unterhalb der Arme aus einer langen Bahn gefertigt wird und auf Brust und Rücken jeweils abwechselnd höhere und schmalere Stofflagen aufgelegt werden, die die gewünschte Höhe auf Brust und Rücken erreichen. Auf diese Weise müssten die Armausschnitte nicht ausgeschnitten werden. Zugleich wären die Panzerstärken auf Brust und Rücken größer als an den Seiten. Ein zweiter Ansatz zur Verbesserung des Herstellungsprozesses ist die Verwendung eines Gestells, an dem der Panzerrumpf zum Trocknen auf eine Weise aufgehängt werden kann, die es erlaubt, dass er in der späteren Form trocknet. Der dritte Punkt betrifft das Auswringen des in bis zu 70°C heißen Hasenleim getränkten Stoffes. Die hohe Temperatur des Materials macht die Verarbeitung mit bloßen Händen sehr unangenehm, weshalb wir versuchen werden, eine mechanische Pressvorrichtung zu konstruieren.

M.Z.